Der Condor auf dem Weg nach Feuerland
    
Stephan Weidenhiller, 11/01/2010
   
 
Die großen Abenteuer der Luftfahrt scheinen ja alle schon gemacht worden zu sein und man kann heute fast überall hin mit modernstem Fluggerät nonstop fliegen. Hohe Treibstoffkosten und Wirtschaftskrisen haben inzwischen die Anzahl an älterem Fluggerät stark dezimiert und somit wird es immer schwieriger noch ein Luftfahrt-Abenteuer ausmachen zu können. Trotzdem ist es noch möglich die ein oder andere exotische Strecke mit einem nicht mehr ganz alltäglichen Fluggerät machen zu können. Eine Möglichkeit dazu besteht noch in Argentinien, im gleichen Gebiet in dem vor 80 Jahren der deutsche Luftfahrtpionier Gunther Plüschow Geschichte schrieb.
 

Es ist Donnerstagmorgen und ein angenehmer Wind streicht über den Rio de la Plata auf Buenos Aires zu. Im Gegensatz zu den vorherigen Tagen zeigt die innertropische Konvergenz nicht ihre Macht und statt kräftiger Regenschauern verspricht die Sonne einen schönen Tag für die argentinische Hauptstadt. Nach dem Check-In stehe ich auf dem Parkplatz des Inlandsflughafen Aeroparque Jorge Newbery und warte auf mein heutiges Fluggerät, das mich zunächst auf einem „4-Sprung“ an die Südspitze Patagoniens bringen soll, bevor es dann nach einmaligen Umsteigen über die Magellan-Strasse nach Feuerland weitergehen soll.

Gerade sind noch zwei MD88 der Austral Lineas Aereas gestartet, da schwenkt von Norden herein mein Flieger: Die Fokker 28-1000C der argentinischen Luftwaffe mit der militärischen Registrierung TC-55. Circa eine Stunde später ist das Boarding beendet und Flug LADE 786 nach El Calafate über Mar del Plata, Neuquen und San Carlos de Bariloche ist abflugbereit.



 


Streckennetz der LADE



Das Zentrum von Buenos Aires nach
dem Abflug vom Flughafen Aeroparque


Seebad Mar del Plata



Flug über die argentinische Steppe
   

Meine erste Etappe führt mich nach einem wunderbaren Abflug entlang der Metropole Buenos Aires, mit traumhaftem Ausblick auf das Zentrum mit der Casa Rosada und dem Puerto Madero, über die argentinische Pampa zum Atlantikseebad Mar del Plata. Der Flug wird kommerziell von LADE – Lineas Aereas del Estado (dt. „Staatsfluglinie“) vermarktet. Es ist ein Unternehmen der argentinischen Luftwaffe um Flüge innerhalb sowie von und nach Patagonien und Feuerland durchzuführen, die für eine herkömmliche Fluglinie nicht wirtschaftlich zu betreiben wären. Dabei wird auf das Fluggerät der argentinischen Landesverteidigung zurückgegriffen. Auf den Flügen ab Buenos Aires wird noch die Fokker 28 eingesetzt. Die TC-55 wurde 1970 gebaut und fünf Jahre später an das argentinische Militär ausgeliefert. Das Flugzeug verfügt über ein maximales Startgewicht von 29,5 Tonnen und wird von den originalen Rolls Royce Spey 555-15 Triebwerken angetrieben. Trotz des guten Zustandes der Kabine lassen die offenen Gepäckablagefächer sowie die antiken Frischluftdüsen und Leselampen keinen Zweifel, dass das Flugzeug Ende der 60er Jahre konstruiert wurde. Die 60 Sitze datieren schon neueren Datums und entstammen aus einer Fokker 100 der 1991 in Konkurs gegangenen britischen Fluglinie Air Europe. Circa 40 Minuten später befinden wir uns im Endanflug auf den Flughafen von Mar del Plata. Die erste Etappe auf unserer Reise nach Feuerland ist geschafft.

 


Cockpit der Fokker 28 aus dem Jahre 1970
 
 

Blick aus dem Cockpit auf dem
Flug nach Neuquen

 
 
Nach 30 Minuten Bodenzeit und einigen Aus- und Einstiegen von Passagieren ist das Flugzeug bereit seine zweitlängste Etappe des Tages anzutreten, von Mar del Plata einmal quer über Argentinien nach Neuquen. Wenige Minuten nach dem Start verändert sich die Landschaft und eine wüstenähnliche Landschaft soll uns die nächsten 90 Minuten begleiten. Zeit um mal mit der Crew in's Gespräch zu kommen und dem Cockpit einen Besuch abzustatten. Insgesamt sind an Bord sieben Mann Besatzung, was bei einer Airline, die im Wettbewerb mit anderen Fluglinien steht heute unvorstellbar ist. Im Cockpit sind 3 Mann Besatzung, obwohl das Flugzeug eigentlich ein über ein Zwei-Mann-Cockpit verfügt. In der Kabine versorgen 2 Mann die Passagiere und weitere 2 Militärmitarbeiter kümmern sich um die Bodenprozesse, wie z.B. Betankung und Load-Sheet. Im Cockpit, das noch sehr einem „Uhrenladen“ ähnelt, erfahre ich viel Wissenswertes über die LADE und die argentinische Luftwaffe. Unter anderem wird berichtet, dass das Flugzeug an einem Stützpunkt in der Nähe von Buenos Aires beheimatet ist und an jedem Betriebstag zuerst leer zum Aeroparque überführt wird. Das Simulatortraining der Crew wird im französischen Vatry vorgenommen. Leider wird dies auch schon einer der letzten Saisonen für die Fokker 28 im Dienste der argentinischen Luftwaffe sein, denn es gibt Hinweise dass die alte Dame bald gegen modernere Jets aus dem Hause Embraer ausgetauscht werden könnte. Nachdem die Boeing 707 Anfang des Jahrhunderts ausgemustert wurde und in 2009 die Fokker 27 durch Saab 340 ersetzt wurden, wird dies wohl der letzte Schritt der Flottenerneuerung sein. Insgesamt freut sich die ganze Crew über den Umstand, dass man extra wegen der Fokker 28 den Flug mit LADE gebucht hat und nicht non-stop nach Ushuaia mit LAN oder Aerolineas geflogen ist.

 
Der Flug nach Neuquen ist bei dem schönen Wetter sehr einfach, denn die Crew braucht nur einer Sandpiste entlang folgen, die geradewegs zur zentralargentinischen Stadt und dem südlichen Ende der Weinregion führt.

 


Blick in die Kabine mit offenen
Gepäckablagefächern

Flughafen von Neuquen

Vegetationsgrenze am Rio Negro
     

Die Anden Kordilleren zwischen
San Carlos de Bariloche und El Calafate

Ein Gletscher kalbt in den Lago Viedma

Die Fokker 28 mit der Registrierung TC-55
am Flughafen von El Calafate
 
 

Flughafen von Ushuaia mit Stadt
und Glaciar Martial im Hintergund



Der moderne Airport von Ushuaia
Nach dem kurzen Zwischenstopp auf dem Flughafen von Neuquen geht es auch schon weiter in Richtung Anden. Kurz nach dem Start und dem Überqueren des Rio Negro tauchen im Westen die ersten schneebedeckten Bergkuppen auf. 35 Minuten später setzen die 4 Reifen des Hauptfahrwerkes dann auch schon am Flughafen von San Carlos de Bariloche auf. Der Flughafen liegt sehr schön am Beginn eines Tals und erinnert schon ein wenig an die europäischen Alpenflughäfen. Nun füllt sich unsere Fokker 28 und sie ist auf der letzten Etappe des Tages nach El Calafate restlos ausverkauft. Dadurch etwas schwermütiger als bei den vorangegangenen Flügen, startet nun das spektakulärste Stück des 4-Sprungs. Entlang der Anden Kordilleren geht es nun geradewegs nach Süden. Ich fliege Entlang der chilenischen Grenze vorbei an den massiven Bergen wie dem Cerro Piltriquitrón, dem Cerro San Lorenzo oder dem Cerro Fitz Roy, lasse unter mir die großen Seen wie den Lago Buenos Aires oder den Lago Viedma um nach ca. 95 Minuten an den Ufern des gewaltigen Lago Argentino auf dem Wind umtosten Flughafen von El Calafate zu landen. Dort endet nun meine Reise mit der Fokker 28 und ich muss für die letzte Etappe auf eine Saab 340 der argentinischen Luftwaffe umsteigen. Leider wurde die Fokker 27 vor wenigen Monaten durch den schwedischen Flieger ersetzt.
 
Nach dem Umsteigen in die Saab 340 mit dem Kennzeichen T-34 startete die letzte Etappe meines argentinischen Flugabenteuers. Von El Calafate geht es nach Ushuaia als LADE-Flug 486. Obwohl diese Etappe nun mit einem moderneren Fluggerät durchgeführt wird, hat sie durchaus für mich einige wichtige historische Anknüpfungspunkte. Zum einen überflog ich zum ersten Mal in meinem Leben die Magellan-Strasse, jene Wasserstrasse die durch den portugiesischen Seefahrer Fernao de Magalhaes 1520 entdeckt wurde und die Fahrt rund um das stürmige Kap Horn unnötig macht. Der zweite historische Punkt ist, dass über dem südlichen Patagonien und Feuerland der deutsche Luftfahrtpionier Gunther Plüschow 1929 als erster Mensch seine Kreise zog. Die im Gegenzug zu meinem Flugabenteuer 100mal gefährlicheren und spannenderen Erlebnisse hat Plüschow eindrucksvoll in seinem Buch „Silberkondor über Feuerland“ beschrieben. Eingedenk dieser beiden Tatsachen sitze ich nun in der Saab 340 und überfliege das sagenumwobene Tierra del Fuego. Nach ca. einer Stunde beginnt der Anflug durch die dicke Wolkendecke auf die zweitsüdlichste Stadt der Welt, Ushuaia, und den südlichsten Flughafen der Welt der mehrmals täglich von größeren kommerziellen Fluggerät angeflogen wird, dem Malvinas International Airport. Tapfer stemmt sich die kleine Saab 340 gegen die 60 Knoten Wind die durch den Beagle Kanal pfeiffen und landet mit mittelschweren Turbolenzen am Tor zum Ende der Welt.
 
Sieben Stunden dauerte das Flugabenteuer. Im Vergleich zur beschwerlichen Anreise eines Gunther Plüshow vor 80 Jahren eine zu vernachlässigende Zeitspanne. Neben den herausragenden Eindrücken, die man auf dieser Flugreise vom südlichen Teil Argentiniens gewinnen konnte, waren sicherlich die historischen Elemente ein Teil um aus den Flügen LADE 486 und LADE 786 einen, für heutige Verhältnisse, nicht ganz alltäglichen, sondern besonderen Flug zu machen. 

 
Wenige Tage später, nach Begegnungen mit Pinguinen, Seelöwen und vielen herzlichen Menschen, sowie dem Besuch der ersten Estancia auf Feuerland und einer ausführlichen Besichtigung der einst als Sträflingskolonie gegründeten Stadt Ushuaia, erfolgte mein Rückflug ganz modern und unspektakulär mit einer 2007 gebauten Boeing B737-700 nonstop zurück nach Buenos Aires.